...

Eisbaden. Wie fange ich an und welche positiven Effekte hat es auf meinen Körper.

Ich stapfe mit einer Mischung aus „Oh mein Gott, was mache ich da“ und einem „wie cool, ist das denn“ die 100m bis zu meiner Einstiegsstelle.

-9 Grad Außentemperatur, der Bach vor meiner Haustür fließt noch, weiter oben bedeckt ihn aber bereits eine Eisschicht. Die Wassertemperatur liegt bei 1 Grad. Ich komme direkt aus dem wohlig warmen Bett, habe mir die Zähne geputzt, ziehe mir Bademantel an, Adiletten und mach mich auf. Die Haustür geht auf, die Kälte begrüßt mich gnadenlos, als wenn mir jemand zur Begrüßung ins Gesicht schlagen würde. Doch ich kenne das, das gehört irgendwie dazu. Schließlich ist das zu einem Morgenritual geworden, das ich 3 bis 5x pro Woche mache. Wichtig ist, in dem Moment bereits den Entschluss gefasst zu haben, im Bach baden zu gehen. Ansonsten finden sich in den nächsten Sekunden unzählige Gründe, doch kehrt zu machen. Ich stapfe mit einer Mischung aus „Oh mein Gott, was mache ich da“ und einem „wie cool, ist das denn“ die 100m bis zu meiner Einstiegsstelle.

 

 

Habe ich den Atem unter Kontrolle, habe ich auch die kalten Temperaturen unter Kontrolle.

Auf dem Weg dorthin achte ich bereits auf meinen Atem, dass er tief und gleichmäßig ist. Denn das habe ich verstanden, der Atem ist der Schlüssel in kaltem Wasser. Habe ich den Atem unter Kontrolle, habe ich auch die kalten Temperaturen unter Kontrolle. Von nun an läuft alles ab ohne weiter nachzudenken, was bei -9Grad lediglich im Bademantel bekleidet sehr hilfreich sein kann. Adiletten aus, Bademantel aus, tief ein- und ausatmen und in den Bach steigen. Drei Schritte in Richtung Mitte gehen, hinsetzen, tiefer Atemzug ein und aus und dann hinlegen. Das muss alles direkt hintereinander verlaufen, nicht zögern, nicht schauen, ob der Bach kalt ist (das erübrigt sich bei -9Grad Außentemperatur), einfach machen und dann die Ruhe und Stille genießen. Dann liege ich da und spüre in mich hinein, genieße diesen Zustand des absoluten Friedens, des bei mir seins. Wie häufig sind unsere Gedanken im Alltag abgelenkt, wie viele Dinge beschäftigen uns den ganzen Tag über, hier im Bach bleibt das Gedankenkarussell stehen.

 

 

Die 3min sind mittlerweile eine Auszeit für mich, meinen Kopf, Kurzurlaub in Schnellform.

Was passiert mit meinem Körper in kaltem Wasser? Man spricht hier von dem sogenannten Chill-Effekt (Geo Magazin Gesundheit 18108). Vier Grad kalte Luft sind auf der nackten Haut unangenehm. Vier Grad kaltes Wasser dagegen wirkt wie ein Schock, wenn es uns umspült. Dafür verantwortlich ist die im Vergleich zu Luft viel größere Dichte. Nach ca.3min stehe ich wieder auf, tauche meine Hände in das kalte Wasser und spüle mir damit zwei bis drei Mal noch das Gesicht ab. Den Kopf lasse ich die ganze Zeit über Wasser. Die 3min sind nicht das Limit, hier im Bach geht es mir nicht darum, meine Grenzen auszureizen, wie lange ich durchhalten kann, es ist kein Kampf gegen meinen Körper oder die Zeit. Die 3min sind mittlerweile eine Auszeit für mich, meinen Kopf, Kurzurlaub in Schnellform. Klingt verrückt, das kann man nur verstehen, wenn man es selbst mal ausprobiert. Sobald ich die Wohnung betrete, spüre ich, wie mein Körper aktiviert ist. Er läuft feuerrot an, ich springe unter die heiße Dusche, kuschle mich in warme Kleidung und setze mich mit einem heißen Cappuccino und ein breites Grinsen im Gesicht an den Frühstückstisch. Eis baden fühlt sich nicht nur gut an, es tut auch dem Körper gut. Davon sind nicht nur die Skandinavier überzeugt, das belegt auch eine aktuelle internationale Studie, veröffentlicht am 2.Dezember 2020 im „International Journal of Environmental Research and Public Health: Cold Water Swimming- Benefits and Risks: A Narrative Review“. Eisbaden hat positive Effekte auf Hormone, Herz-Kreislaufsystem, Immunsystem und Psyche. Der Körper reagiert auf die extrem niedrigen Temperaturen mit Ausschüttung von Adrenalin, entzündungshemmenden Kortikoiden und Endorphinen. Hier auch die Erklärung für mein breites Grinsen hinterher. Nun kann der Tag beginnen. Was soll mir jetzt noch passieren.

 Tipps zum Einstieg:

  • Wichtig ist, dass man einen gesunden Kreislauf hat, wenn man sich ins kalte Nass begibt. Sucht euch eine Begleitung, damit ihr Unterstützung habt, wenn es euch nicht so gut dabei geht. Wer Herz- oder Gefäßprobleme hat, für den ist Eisbaden nicht geeignet.
  • Fangt bereits im Sommer an, in kühle Gewässer zu gehen und macht einfach im Herbst und Winter weiter. So gewöhnt sich der Körper Stück für Stück daran. Eine Möglichkeit ist auch, mit kalt Duschen den Körper daran zu gewöhnen.
  • Steigert die Zeit im kalten Wasser langsam. Schon wenige Sekunden bescheren euch einen ordentlichen Adrenalinschub und kurbeln den Stoffwechsel an.
  • Tastet euch langsam vor und geht beispielsweise zu Beginn nur bis zu den Knien ins Wasser. Dann könnt ihr euch hinsetzen und erst wenn das alles gut funktioniert, könnt ihr steigern und euch in das kalte Wasser mit dem ganzen Körper legen.
  • Legt alles parat, was ihr für hinterher benötigt. Wenn der Bach nicht direkt vor der Haustür ist, dann nehmt warme Kleidung, Wärmflasche oder Handwärmer oder eine heiße Flasche Tee mit. Sobald ihr aus dem Wasser draußen seid, werdet ihr merken, wie schnell vor allem die Hände und Füße kalt werden.
Scroll Down