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2:30:19h beim BMW Berlin Marathon

2:30:19h. So lange sollte mein Arbeitstag am Sonntag nicht gehen. Nach 2:28:30h wollte ich schon längst bei meinem „Feierabendbier“ sein. Doch so ist das im Marathon. Die 42,195km haben ihre eigenen Gesetze und es läuft nicht immer alles wie geplant.

Die Vorbereitung auf den Berlin Marathon verlief sehr gut. Bei den Vorbereitungswettkämpfen konnte ich nicht immer zeigen, was ich drauf habe, dafür lief das Training umso besser. Oft war ich bei den Wettkämpfen noch etwas müde und nicht ausgeruht. Das war mir auch nicht wichtig. In Berlin wollte ich zeigen, was ich drauf habe. Nur da zählt es. Ein Tag, eine Chance. Ich habe mich großartig in der letzten Woche gefühlt. Mein ganzer Körper war voller Energie, voller Motivation und Vorfreude auf den Wettkampf. Ich liebe es, in den Tagen vor dem Wettkampf Interviews zu geben und Termine rund um den Marathon zu machen. Das ist für mich eine prima Abwechslung und zeigt mir, dass der Tag X kurz bevor steht. Am Samstag ist dann ausschließlich Relaxen angesagt. Dadurch zieht sich der Tag und meine Beine fangen schon zu kribbeln an. Sie wollen endlich auf die Strecke und zeigen, was in ihnen steckt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich perfekt geschlafen. Ich bin eingeschlafen und um 4.45Uhr wieder aufgewacht. Jogginghose anziehen und ab geht es zum Frühstück. Schokomüsli, Toast und belgische Waffeln. Dazu 1 Glas O Saft, Wasser und Cappuccino. Danach ging es aufs Zimmer, Haare flechten, Wettkampfkleider anziehen, Musik hören und mit dem Shuttle Bus an die Startlinie. Das Wetter war perfekt: Klare kühle Luft, blauer Himmel, vereinzelt Wolken. Wow, yeah, endlich ist Race-day! Berlin, ich bin bereit. 55min vor Start bin ich zum Einlaufen los, mit jedem Schritt habe ich die frühmorgendliche Marathonatmosphäre eingesogen. Noch ein paar Koordinations- und Stretchingübungen, Trikot an, lange Hose aus und Startnummern befestigen. Und schon stehe ich um 8:55Uhr an der Startlinie, werde als eine von drei Läuferinnen vorgestellt, vor mir die Siegessäule mit der Goldelse und hinter mir 41.000 andere Läuferinnen und Läufer. Das ist das coole am Marathon, alle stehen gemeinsam an der Startlinie. Ob Profi oder Freizeitläufer, alle haben dieselbe Distanz vor sich und ihre eigenen Ziele, die sie erreichen wollen. Uta Pippig schickt uns mit dem Startschuss auf die Strecke. Peng! Ab geht die Post. Mit jedem Meter, den ich laufe, nähere ich mich dem Ziel. Meine Pacemaker Emmanuel Biwott, Marcel Bräutigam und Hermann Achmüller weisen mir den Weg durch die Hauptstadt.

Es rollt, wir liegen genau im Fahrplan. Die Beine fühlen sich super an, wir passieren die Halbmarathonmarke in 1:13:12h. Neue Halbmarathonbestzeit mit Kurs auf eine neue Marathonbestzeit. Der Puffer zur Olympianorm scheint riesig. Und keine 5km später zieht es mir gefühlt den Stecker. Auf einmal rollt es nicht mehr, die Beine fühlen sich schwer an, die Pace schnell, zu schnell. Ich signalisiere meinen Hasen, dass wir einen Gang rausnehmen müssen. Die Zuschauer am Streckenrand sind grandios, sie feuern mich an und pushen mich. Genau in diesem Moment brauche ich ihre Energie, die Beine wollen nämlich nicht mehr so, wie ich will. Und noch liegen 15km vor mir. Was ist los? Ich weiß es nicht. Es ist aber ein Fight. Ein harter Fight, den ich nun Meter für Meter fechte. Die Kilometer ziehen sich. Mein Gefühl sagt mir, dass die Kilometerschilder immer weiter auseinander rücken. Das kann doch nicht sein, fühlen sich 1000m wirklich so lange an? Meine Beine möchten langsamer laufen. Nein, eigentlich wollen sie gar nicht mehr laufen. Ich pushe und pushe und treibe mich an. Go Anna, go Anna, go Anna... Bei Kilometer 30 sind es noch Hermann und ich, Marcel hat bis dahin mal wieder einen super Job gemacht. Hermann und ich laufen beide am Limit. Wir fighten und versuchen trotzdem immer wieder zu lächeln. Entspannt bleiben, locker bleiben, keep on running. Endlich, das Brandenburger Tor erscheint vor mir. Wie oft habe ich mir genau diesen Moment vorgestellt. Und doch anders, als er nun eingetreten ist. Ich laufe durchs Tor und weiß, dass ich es gleich geschafft habe. Noch 360m. Die Uhr zeigt mir das, was ich schon längt weiß. Die Olympianorm ist passé. Ich bin völlig fertig, körperlich erschöpft und mental leer. Was war das heute? Das war Marathon. Und wie es mein Trainer sagt „That’s a new experience.“ Diese Erfahrung wird für irgendetwas gut sein und mich voran bringen. Davon bin ich überzeugt. Ich weiß, was in meinem Körper steckt und das werde ich zeigen. 2015 in Berlin sollte es nicht sein. Die Leistungskurve ist keine lineare Bewegung nach oben. Manchmal muss sie auch Schwung holen, um noch höher zu kommen. Eins hat mir dieser Marathon verdeutlicht, bewahre immer den Respekt vor den 42,195km. Aufstehen, Mund abputzen und Krone richten. Jede Erfahrung hat ihre Berechtigung und ist für irgendetwas gut. Ich freue mich schon auf den Moment, wenn ich verstehe, für was diese Erfahrung gut war.

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