...

Frankfurt Marathon - This was my day

Frankfurt Marathon, this is your day, this is my day. Nach zwei Jahren bin ich nun wieder über die Ziellinie eines Marathons gelaufen. Das Gefühl hinterher, dieser einzigartige Emotionscocktail, das hatte ich nicht vergessen und das war der Grund, warum ich mich so sehr auf den Frankfurt Marathon gefreut habe. Und als ich nach 2:28:39h über die Ziellinie gelaufen bin, dann hat es mich einfach umgehauen. 

Wie sah meine Marathonwoche aus?

Montag
So richtig im Marathon-Feeling bin ich ab heute. Am späten Nachmittag sind wir aus dem Schwarzwald nach Frankfurt gefahren, wo wir zusammen mit Arne Gabius im HR-Heimspiel zu Gast waren. Am Morgen und Mittag stand im Schwarzwald noch ein Dauerlauf auf dem Plan, viel mehr gab es nicht zu tun und ich spürte auch, dass ich für andere Dinge keinen Fokus hatte. Ich war bereit loszuziehen, ich fieberte dem Wettkampf am Sonntag entgegen und freute mich auf die kommenden Tage.

Dienstag
Heute Vormittag war mein letztes Training mit ein paar schnellen Kilometern. 9km Dauerlauf + 5km flott. Das Wetter war traumhaft und auch die Beine fühlten sich sehr gut an. Anschließend reisten wir von Frankfurt nach Bonn, um einen Vortrag bei der Deutschen Telekom zu halten. Die Location war imposant, ein großer Saal mit einer riesigen 20m-Leinwand und einer Top-Soundanlage. Es war schön, die Begeisterung der mehr als 400 Zuhörer zu spüren und zu sehen. Laufen verbindet die Menschen und es ist so toll zu erfahren, wie viele bei den Wettkämpfen entweder an der Strecke oder von zu Hause aus mitfiebern. Von Bonn chauffierte mich Anna am Abend noch nach Herzogenaurach.

Mittwoch
Der Mittwoch war zeitgleich mein Saltin-Tag. Auf Anregung meines Trainers habe ich mich in dieser Vorbereitung für nur einen kohlenhydratfreien Tag entschieden. Am Morgen gab es Rührei, Käse und Quark, am Mittag Meeresfrüchte, Schafskäse und Salat und am Abend eine Spinatsuppe und Fisch mit Gemüse.
Nach dem Frühstück haben Anna und ich einen Vortrag in Englisch vor Adidas Mitarbeitern gehalten und im Anschluss gab es einen gemeinsamen Lauf mit Anna, ich habe währenddessen entspannt zu Mittag gegessen. Mein Nachmittag und Abend war frei, Anna hat zusammen mit Thomas unterdessen den Gewinn einer Monatsverlosung in unserem Hahnertwins Club an unser Mitglied Julia aus Erlangen übergeben.

Donnerstag
Bis Mittwoch hatte ich noch jeweils zwei Trainingseinheiten am Plan, ab heute nur noch 30min locker laufen. Nach dem Mittagessen ging es mit dem Auto von Herzogenaurach nach Frankfurt, wo ich die Fahrt für Telefoninterviews genutzt habe. In Frankfurt angekommen, bin ich gleich aus dem Auto raus und ab ging es zum Vorgespräch mit HR Reporter Ralf Scholt. Anna und Thomas haben währenddessen das Auto geparkt, ausgeräumt, eingecheckt, Akkreditierungen abgeholt, Koffer aufs Zimmer getragen und sich um alles andere gekümmert. Nach dem HR-Vorgespräch habe ich zusammen mit Mona Stockhecke die ersten Pressefragen am Runden Tisch beantwortet. 

Freitag
Meinen 30min Lauf habe ich vor dem Frühstück gemacht. Es ist schon hell, doch die Sonne ist noch nicht richtig zu sehen. Die Straßen sind leer und ich genieße den Augenblick. Ich wähle meine Laufrunde bewusst klein und laufe ein paar Mal um die Messe. Ich schaue mir den Startbogen an und freue mich darauf, hier in 2 Tagen an der Startlinie zu stehen. Noch steht der Startbogen etwas verloren auf der Straße doch in zwei Tagen ist hier alles in Läuferhand.

Freitagmittag ist die Pressekonferenz. Ich bin überrascht, dass meine Verletzung aus dem Frühjahr noch immer ein Thema ist. Ob ich Angst habe, das mein Bein nicht halten könne? Nein. Die Verletzung ist seit Monaten komplett aus dem Körper und meinem Kopf verschwunden. Ich habe die Marathonvorbereitung ohne irgendwelche Beschwerden absolviert. Mein Körper ist topfit und bereit am Sonntag die PS auf die Straße zu bringen. Nach der Pressekonferenz geht es zum HR zur TV-Sendung HalloHessen. Das war ein kurzweiliger Nachmittag und schon sitze ich wieder beim Abendessen im Hotel. Nach dem Abendesssen steht noch die GetTogether-Party vom Veranstalter an, wo ausgewählte Athleten vorgestellt werden. Auch hier gibt es im Anschluss noch Essen, ich mache noch einen kurzen Abstecher beim Dessert-Buffet und gehe auf mein Zimmer. Kaum angekommen, klopft es an der Tür. „Guten Abend, Frau Hahner, wir möchten Sie bitten mit uns zur Dopingkontrolle zu kommen.“ Also mache ich einen kurzen Ausflug in den siebten Stock und gebe meine geforderte Blutprobe ab. Im Kontroll-Zimmer liegen Willkommens-Schokotäfelchen vom Hotel auf den Betten. Ich denke mir, wenn ich schon einen Extra-Ausflug heute Abend machen muss, dann soll der wenigstens mit Schokolade belohnt werden und komme so noch zu einem Betthupferl.

Samstag
Am Samstagmorgen treffe ich um 7:30Uhr meinen Tempomacher Matthias Müller, wir wollen heute Morgen schon mal zusammen laufen. Meinen zweiten Tempomacher Steffen Uliczka habe ich bereits gestern Abend getroffen.
Am Vormittag ist technische Besprechung, wo wir Athleten die Startnummer bekommen und die letzten Infos zum Rennen. Arne Gabius und ich bekommen jeweils die Startnummer 7 bzw. F7. Athletenmanager Christoph Kopp markiert mit dieser Startnummer stets seine Hoffnungsträger und wünscht ihnen dadurch eine Extraportion Glück. Wenn das kein gutes Zeichen für Sonntag ist. Zum Mittagessen geht es zur Pasta-Party in die Festhalle. Für mich gibt es zwei Portionen Nudeln. Anschließend steht ein Treffen mit unseren Hahnertwins Club Mitgliedern an. Die Vorfreude auf Sonntag ist greifbar, es wird am Sonntag sogar eine Clubstaffel gegeben, manche laufen den vollen Marathon und andere sind extra zum Anfeuern nach Frankfurt gekommen. Ich verabschiede mich etwas früher, da noch ein Interview auf der Bühne ansteht. Danach noch ein Interview beim HR Heimspiel und nach einigen Autogrammen und Fotos ab ins Hotel. Es ist Nachmittag, also Kuchenzeit, und an diesem Tag vor dem Marathon hat es immer eine besondere Bedeutung. Wir reden über alles und nichts, genießen den Moment, den Kuchen und Cappuccino. 

Dann kommt ein Anruf von meinem Trainer Thomas Dold, dass er mit Renato Canova, meinem anderen Trainer im Hotel ist. Canova ist extra aus Italien hergeflogen, ich freue mich mega ihn zu sehen. Jetzt besprechen wir zusammen mit Thomas die finale Renntaktik. Dann geht es zum Abendessen. Aufgrund der Zeitumstellung und dem Start um 10Uhr gehe ich ganz normal zu Bett, nicht ohne vorher noch ein paar Rippen Schokolade gegessen zu haben. Um ca. 23Uhr mache ich das Licht aus, stelle mir in Gedanken noch einmal das Gefühl vor wie es ist morgen über die Ziellinie zu laufen und schlafe wenig später ein.

Sonntag
Ich wache auf durch den Wecker meines Handys. Es ist 5:45Uhr. Es ist der 25.Oktober 2015, raceday, ich spüre „this is my day“. Ich ziehe mich an und gehe zum Frühstück. Ich entscheide immer spontan was genau ich am Wettkampf-Morgen esse, auf jeden Fall leicht verdauliche Kohlenhydrate, wenige Proteine und wenige Fette. Heute entscheide ich mich im ersten Gang für ein Rosinenbrötchen, ein helles Brötchen, Frischkäse, Honig, Nutella und Marmelade. Dazu ein Cappuccino und ein Glas O-Saft. Danach noch ein Schokocroissant und ein weiteres helles Brötchen, noch ein Cappuccino und als Abschluss ein großer Kakao. Ich bin einen Tick mehr als satt, genau richtig für heute. Das war das letzte Essen vor dem Marathon, bis zum Start gibt es nur noch Wasser. Danach gehe ich hoch auf mein Zimmer, drehe meine Marathon-Playlist auf und lege mich aufs Bett. Dann ziehe ich mich an, Anna macht mir meine Race-Frisur und um 8:45Uhr treffen wir uns alle in der Lobby, um geschlossen zum Marathonstart zu gehen. Vorher noch ein paar Inteviews und um 9:15 Uhr laufe ich mich warm. 10min genügen mir heute Morgen, Stretching, ein paar ABC-Übungen und Steigerungen.

Ich stehe an der Startlinie, es ist kurz vor 10Uhr. I’m ready. So was von. Der Startschuss fällt und ab geht die Post. Die ersten Kilometer laufen wie von selbst, ich fühle mich als fliege ich über die Straße. Meine Uhr läuft mit doch ich schaue nicht drauf. Ich vertraue voll und ganz meinen Pacemakern. Die Stimmung an der Strecke ist unglaublich. Von überall höre ich die GoLisa-Rufe, ich schaue nach rechts und links, erkenne Personen, freue mich über die Unterstützung und lächele. Ab Km 4 bin ich im Marathon angekommen. Ich fliege nicht mehr, jetzt fühlt es sich wie laufen an und es fühlt sich gut an. Nach 21,1km und 1:14:25h überqueren wir die Halbmarathon-Marke. „Great job, guys. Ihr seid die Besten.“ Meine Tempomacher machen einen herausragenden Job, wir sind eine sehr gute Gruppe und es läuft. Bei den ersten vier Trinkstationen hatte ich lediglich Wasser in der Flasche, ab Km 25 trinke ich ein Gel-Wasser-Gemisch. Annas gelb leuchtende Jacke sehe ich immer schon von weitem. Ich such mir meine Position im Feld und komme jedes Mal sehr gut an meine Flasche. Ich fühle mich super, das Tempo ist mein Tempo. Ich wechsel alle 5km meinen Ohrwurm. 9 Songs begleiten mich bei meinem Marathon. Aus dem Ohrwurm wird ein Remix mit den vielen GoLisa-Rufen vom Streckenrand. Meine Mundwinkel zucken immer wieder nach oben. Ich bin begeistert von dem Support. Die Beine rollen, ich nehme meine Arme mit. Ich denke nicht viel, ab und an schießt ein Bild, ein Gedanke durch meinen Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl ich laufe gerade auf der Sebata-Road in Äthiopien, dann wieder fühle ich mich wie beim Halbmarathon vor zwei Wochen in Bad Hersfeld. Manchmal läuft in Gedanken Anna neben mir und manchmal fühle ich mich als wäre ich ganz allein auf der Straße. Ich laufe von Kilometerschild zu Kilometerschild und ich zerlege mir die Strecke immer wieder neu. Nach 12km freue ich mich, dass ich jetzt nur noch einen 30km-Lauf mache, beim Halbmarathon feiere ich Bergfest und nach 26km rufe ich meinen Tempomachern zu: „In weniger als einer Stunde ist Feierabend“. So komme ich Stück für Stück dem Ziel „Festhalle“ und meinem Ziel „Persönliche Bestzeit“ näher. Bei Km 30 kommt die Mainzer Landstraße. Die nächsten 4km geht es geradeaus. Ich freue mich auf diesen Streckenabschnitt, denn danach geht es in die Innenstadt. Hier ist die Ruhe vor dem Sturm, die Straße ist breit, gerade und wunderbar in Läuferhand.

Nach 35km verabschiedet sich mein Tempomacher Matthias Müller. „Wir sind nur noch 4s hinter der Olympia-Norm“ ruft er mir hinterher. Ab jetzt zieht mich Steffen ins Ziel. Ich gebe alles und Steffen gibt alles, dass ich alles gebe. „Lisa lauf schnell. Und weißt du warum? Weil du es kannst.“ Ich gebe alles. Mein Körper ist müde, meine Beine schwer. Ich laufe so schnell ich kann. Anna ruft, dass Arne Gabius Deutschen Rekord gelaufen ist. Der Oberhammer. Die Zuschauer sind der Wahnsinn. Ich versuche noch mal zu beschleunigen, die Schrittfrequenz zu erhöhen. Ich habe keine Ahnung wie schnell ich laufe, ich weiß nur, dass es noch 3km zum Ziel sind. Ich laufe und laufe, 40km habe ich, check. „Come on, Lisa, noch 2km“ geht es mir durch den Kopf. Dann endlich. Kurve links und eine letzte Kurve rechts und der rote Teppich der Frankfurter Festhalle liegt vor mir. Ich sehe die Uhr. 2:28:28h, 2:28:29h, 2:28:30h. Das war die Olympianorm. Ich laufe, höre „Lisaaaaaaaa“ aus den Boxen, die Lichter schießen wie Blitze durch die Halle, es ist so laut, so toll und dann endlich spüre ich das Zielband. Ich möchte hoch springen, feiern und meine Beine sacken zusammen. Vielleicht aus Erleichterung, Erschöpfung oder war das das Ende meines Ohrwurms „Free fallin’“? Ich falle auf den Boden und bin so mega glücklich. Meine Playlist ist nun zu Ende. Ich bin im Ziel angekommen. Jetzt ist die Musik real. Die Festhalle bebt und ich stehe mittendrin oder genauer im Mittelpunkt. Dann sehe ich schon Anna auf mich zustürmen. Sie hilft mir hoch und meine Beine halten. Ich habe sogar wieder genügend Energie eine Ehrenrunde auf dem roten Teppich zu drehen. Bäääm. Deutsche Meisterin und Bestzeit um mehr als eineinhalb Minuten verbessert.

Ich hatte ein großartiges Team um mich, ein großes Dankeschön an alle. Manche Tage dürften nie zu Ende gehen. Das sind diese Tage an denen man mit einem Lächeln aufsteht und dieses den ganzen Tag über nicht mehr aus dem Gesicht bekommt. Also bin ich am Sonntag auch nicht mehr ins Bett gegangen, sondern erst am Montag, irgendwann zwischen 5 und halb 6. ich wollte den Tag und die Nacht bis zur letzten Minute genießen.
 

Presseartikel in der FAZ

Galerie zum Frankfurt Marathon

oberes Foto: ©Norbert Wilhelmi
unteres Foto: ©Timo Köhler

 

 

...
Scroll Down