...

Hahn-ov-er

Anna: Der Wecker klingelt um 4:45Uhr. Ich schlage meine Augen auf, bleibe 2s liegen, realisiere: Heute ist Sonntag, Hannover, Raceday. Marathon. Und mit einem großem Satz spring ich aus dem Bett. Jogging-Hose anziehen, Haare zusammen machen und schon geht’s zum Frühstück.

Lisa: 4:45Uhr. Mein Wecker klingelt. Ich öffne meine Augen und bin hellwach. Ich weiß sofort wo ich bin und was los ist. Heute ist der 10. April, ich liege im Hotelbett in Hannover und werde heute meinen Marathon laufen. Ich ziehe mich an und gehe runter zum Frühstück bzw. fahre, denn die Treppen meide ich heute zugunsten des Fahrstuhls.

A: Im Frühstückssaal treffe ich Lisa. Sie empfängt mich gut gelaunt. „Hast du auch so super geschlafen?“ „Ja, habe ich.“ Ich fühl mich frisch, ausgeschlafen und voller Energie. Energie ist ein gutes Stichwort. Ran an das Frühstücksbuffet. Ich überlege am Marathonmorgen immer ganz spontan, auf was ich Hunger habe. Mein erster Weg führt mich zum Müsli, Schokomüsli und Haferflocken mit heißem Wasser und etwas Joghurt. Vor dem Marathon verzichte ich auf zu viel Milch. Es folgt eine Scheibe Brioche mit Ovomaltine, die habe ich zwei Tage zuvor bei der Signierstunde unserer Buches Time to run im Neuen Rathaus geschenkt bekommen. Als Nächstes hole ich mir ein helles Brötchen. Sandkuchen und ein kleines Schoko-Croissant vervollständigen mein Frühstück.

L: Anna bestellt sogleich zwei Cappuccino für uns. Ich überlege kurz worauf ich zuerst Lust habe und entscheide mich für ein Roggenbrötchen mit Frischkäse, dazu den Ovomaltine Brotaufstrich. Mein nächster Gang führt mich zum Müsli, Knuspermüsli mit Haferflocken und Cornflakes, dazu heißes Wasser und etwas Joghurt. Anschließend eine Scheibe Brioche mit dem nächsten Cappuccino. So langsam bin ich satt. Also gibt es den finalen Gang mit einem Stück saftigem Zitronen Rührkuchen und dem dritten Cappuccino. Der Tank ist gefüllt. Inzwischen sind auch unsere Pacemaker Robbie Simpson und Matthias Müller zu uns gestoßen. Die Ovomaltine ist der Hit am Frühstückstisch heute. Wir unterhalten uns über dies und das, sind alle gut gelaunt und voller Vorfreude.

A: Um 7:30Uhr laufen wir vom Hotel in Richtung Startbereich. „Hey Anna, how are you? Ready for today?“ Mit einem großen Lächeln auf dem Gesicht kommt mir mein zweiter Pacemaker Dickson Kirui entgegen. Ich freue mich darauf, mit „meinen“ Männern heute auf die Strecke zu gehen. Noch ist es etwas frisch, so dass wir Gangsta-like unsere Kapuzen über den Kopf werfen. Schon direkt auf den ersten Metern sehen wir die blaue Linie. Wohoo, wenn wir das nächste Mal hier vorbei kommen, liegen schon 14km hinter mir, denke ich mir und es kribbelt in meinem Körper. Eine gute Stunde vorm Startschuss erreichen wir den Start-/Zielbereich.

L: Es ist 8 Uhr. Noch kurz die Leute vor Ort begrüßen und dann laufen wir uns warm. 15min easy. Es ist mega cool, mal wieder gemeinsam mit Anna die letzten Minuten vor dem Start zu erleben. Die Beine fühlen sich gut an. Ein bisschen dehnen, Koordination und Mobilisation. Das reicht. Die letzten Minuten laufen im eingespielten Rhythmus ab. Startnummern befestigen, Schuhe noch einmal enger schnüren und schon geht’s in den Startkanal. Die Zahl der Zuschauer steigt von Minute zu Minute. Anna und ich umarmen uns, fausten die Hände gegeneinander und sind bereit für den Marathon. Wir klatschen uns noch mit ein paar anderen Läufern ab und umarmen unsere Pacemaker. Wir sind ein Team mit einem Ziel. Wir sind bereit, es kann losgehen.

A: 3, 2, 1. Peng! Auf geht’s Hannover auf 42,195km durch die Landeshauptstadt. Zu den Akkorden von Rock you like a hurricane von den Scorpions werden wir auf die Strecke geschickt. Unser Plan ist es, die ersten 10km zusammen zu laufen. Ich freue mich, dass es jetzt los geht. Die nächsten 2,5h gehören mir. Ich hefte mich an die Fersen meiner Pacemaker und bin sofort in meinem Rhythmus. Ich bin sehr fokussiert und gleichzeitig entspannt und gelassen.

L: Die ersten Kilometer fühlen sich nicht gut an. Meine Beine sind schwer und ich komme nicht ins Rollen. Nach drei Kilometern rufe ich: Matthias, sag Edwin Bescheid, wir laufen die nächsten Kilometer im Schnitt 2s langsamer. Ich erhoffe mir davon, endlich meinen Rhythmus zu finden. „Go Anna, wir sehen uns im Ziel“, rufe ich meiner Sis hinterher. Das Rennen fühlt sich noch nicht nach Marathon an. Meine Atmung ist nicht flüssig, ich habe bei jedem Atemzug Seitenstechen. Hand in die Seite drücken, konzentrieren, entspannen. Nach ein paar Kilometern habe ich die Atmung im Griff, doch ich finde nicht ins Rennen.

A: Eine fünfköpfige Gruppe mit Kenianerinnen und Äthiopierinnen zieht an mir vorbei und geht an die Spitze. Kurz überlege ich, ob ich mich dranhänge doch den Gedanken schiebe ich schnell zur Seite. „Don’t follow the Ethiopians. You know, they are crazy“, hat mir mein Trainer Renato Canova beim Gespräch am Samstag mit auf den Weg gegeben. „Cool bleiben und dein Tempo weiterlaufen“, denke ich mir und sehe die Spitzengruppe wegziehen. Noch liegen 38km vor uns. Doch mein Gedanke geht erst mal nur bis zum nächsten Kilometer, denn dann habe ich den ersten 5km Abschnitt hinter mir. Ich habe mir den Marathon in 9 Abschnitte eingeteilt, 8x5km und 2,195km am Ende, so wirkt die Distanz nicht so lang. Wir portionieren uns den Marathon sozusagen mundgerecht. Daher nennen wir diese Technik für uns Pizza-Technik. Für jeden Abschnitt habe ich mir ein Song überlegt, der mich als Ohrwurm begleitet und der mir hilft, fokussiert zu bleiben. Gleichzeitig spreche ich mir fünf Wörter immer wieder vor. Gelassenheit, Entspanntheit, Lockerheit, Leichtigkeit und Unbekümmertheit. „Go Anna“ höre ich die Zuschauer am Streckenrand rufen. Manchmal auch „Go Lisa“, das münze ich einfach mal auf mich um. 5km, der erste Verpflegungsstand. Ich greife meine Gerolsteiner-Flasche, trinke 2 Schlücke und gebe sie an meine Pacemaker weiter. Es läuft. Die nächsten 5km begleitet mich das Lied „Time to Wonder“ von der Band Fury in the Slaughterhouse. Der Drummer der Band aus Hannover steht sogar bei Km 36 mit einer Drummer-Kombo. Somit wird er mir sogar live den Beat einheizen. Die 10km passieren wir in 34:50min. Flott und ich fühle mich gut. Also halten wir das Tempo bei. Die Strecke in Hannover ist wirklich topfeben. Lange Geraden kombiniert mit kurvigen Abschnitten, das macht es abwechslungsreich.

L: Die 10km Marke passiere ich nach 35:36min. Von den geplanten Kilometerzeiten habe ich mich gedanklich schon frei gemacht. Ich denke an die sehr guten letzten Trainingseinheiten und frage mich kurz, warum ich mich heute so kraftlos fühle. Die Gedanken schiebe ich zur Seite und singe mir die Liedziele „Every little thing she does is magic“ von The Police in Gedanken vor. Während des Rennens nach Gründen zu suchen, macht keinen Sinn. Jetzt gilt es das Beste aus der Situation zu machen. Locker bleiben, also entspanne ich mein Gesicht und lächele. Km 11. Noch wenige hundert Meter dann geht links der Weg zum Friedhof weg. Hier saß ich vor zwei Jahren auf den Stufen und musste aufgeben. Die Bilder schießen kurz in meinen Kopf und ich nutze sie zur Motivation. Heute werde ich auf jeden Fall ins Ziel laufen. Egal wie. Die Stimmung auf den nächsten Kilometern ist grandios, Kilometer 13 bis 15 verläuft durch die Innenstadt, dementsprechend laut geht es zur Sache. Die Zuschauer am Streckenrand sind eine riesige Unterstützung. GoLisaaaaa tönt es von überall. Bei Km 17 läuft eine Gruppe von jungen Mädchen kreischend neben mir her. Wow, ich hebe kurz die Hand zum Dank, weil ich so gerührt bin.

 

A: Als ich am Kilometerschild 12 vorbei laufe, muss ich kurz an Lisa und ihr Ausstieg in 2014 denken. Ich habe sofort ihr Bild auf der Treppe im Kopf, wie sie dort mit hängendem Kopf saß. „Soweit wie jetzt, ist noch keine Hahner hier in Hannover gekommen“, schießt es mir durch den Kopf. Den Verpflegungsstand bei Kilometer 20 lasse ich bewusst aus, es ist nicht wirklich warm und ich spüre wegen dem Wind meinen Magen ein bisschen. Also trinke ich lieber nichts. Noch 1,1km und die Hälfte ist geschafft. Lisa und ich sprechen immer vom Bergfest. Und das hat hier in Hannover eine besondere Bedeutung für mich. Für die Olympiaqualifikation muss ich nämlich noch einen Leistungsnachweis erbringen, dazu ist eine 1:15h im Halbmarathon erforderlich. Im Vorhinein hatte ich mich gegen einen zusätzlichen Start bei einem Halbmarathon entschieden, weil ich in Hannover unter 1:15h durchgehen und mich somit ganz auf den 10.April konzentrieren wollte. 1:13:47h zeigt uns die Uhr an, den Leistungsnachweis habe ich eindeutig erbracht. Ich nehme es mit einem Lächeln zur Kenntnis und mache mich auf die zweite Rennhälfte. Eigentlich dachte ich, dass mir der erbrachte Leistungsnachweis extra Energie geben würde. Doch plötzlich sind meine Beine schwer, die nächsten Kilometer werden die härtesten des Marathons. Ich merke, dass die Kilometerzeiten etwas langsamer werden. Mein Anfangstempo kann ich nicht mehr halten. Dennoch versuche ich entspannt zu bleiben. Das Lied „Flag“ von Michael Patrick Kelly begleitet mich nun bis Kilometer 25.

L: Halbmarathon. 1:16:08h. Die nächste Zwischenzeit, die ich wahrnehme. Das ist nicht schnell, hätte heute deutlich schneller sein sollen und doch ist es für meinen Körper heute das Limit. Jeder Schritt kostet Anstrengung, nichts läuft automatisch. Meine imaginäre Playlist ist eine große Hilfe. Ich laufe von Song zu Song, habe meine Plakate im Kopf und sauge die Energie der Zuschauer auf. Anna sehe ich schon seit vielen Kilometern nicht mehr vor mir. Sie ist meinem Blickfeld enteilt. Km 25. Die erste Trinkflasche wo nicht nur Wasser, sondern ein Gel-Wasser-Gemisch drin ist. Ich nehme drei große Schlücke. Noch 17km. Ungefähr eine Stunde. Ich denke an den Frankfurt Marathon im Herbst. Hier habe ich mich zu der Zeit sehr gut gefühlt. Ich versuche die positive Stimmung auf heute zu übertragen. Vor mir sehe ich eine andere Läuferin auftauchen. Ich ziehe mich von hinten an sie heran und laufe an ihr vorbei. Ich erhöhe für ein paar hundert Meter die Pace, um sogleich einen Abstand aufzubauen, das funktioniert. Die Zuschauer an der Strecke sind großartig, selbst aus den Fenstern heraus höre ich die Anfeuerungsrufe, das motiviert und treibt mich an.

A: Plötzlich ruft mir ein Zuschauer zu, dass zwei Frauen aus der Spitzengruppe zurück gefallen sind. Ich merke sofort, wie neue Energie durch meinen Körper strömt. Mein Ziel ist jetzt nicht mehr primär die Zeit sondern die Platzierung. Das Rennen ist eröffnet. Ich weiß zwar nicht, wie weit die führenden Damen entfernt sind, doch die Lücke scheint kleiner zu werden. Zwischenzeitlich hatten die führenden Frauen einen Vorsprung von 3min, doch zum Glück weiß ich nichts davon. Mein Kopf ist nun im Jagdmodus. Ich laufe an Kilometer 30 vorbei. Nun laufen die Kilometer für mich anders herum. Die letzten 12km zähle ich runter. Noch 12, 11, 10… und dann ist es einstellig. Ich suche in der Ferne, ob ich eine der Frauen erkenne. Und dann ist sie in meinem Blickfeld. Ich sammle die erste Frau aus der Führungsgruppe ein. Das pusht mich. Auf geht’s Anna, weiter so, schießt es mir durch den Kopf. Und schon taucht die nächste Frau auf. Ich ziehe mich Meter für Meter an sie heran und laufe vorbei. Jetzt liege ich auf dem vierten Platz. Ich möchte unbedingt aufs Podest laufen. Das ist mein großes Ziel. Das treibt mich an, bei jedem Schritt zu pushen und am Limit zu laufen. Robbie wollte eigentlich nur bis Km 35 laufen, als ich das Kilometerschild 37 sehe, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Er lässt mich nun nicht mehr alleine, ich spüre, wie wir gemeinsam auf der Jagd sind. Bei einer spitzen Kurve bei Km 38 sehe ich die Drittplatzierte mit noch ziemlich großem Abstand vor mir laufen. Ok, das Loch ist groß. Und es war schon viel größer. Go Anna, denke ich mir. 4km, da ist noch viel möglich. Bei Kilometer 40 laufe ich an die Drittplatzierte ran und vorbei. Ich versuche, noch einmal zu beschleunigen, damit sich sofort eine Lücke zwischen uns auftut. Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, meine Beine sind müde und dennoch bin ich voller Adrenalin, das mich pusht. Angriff ist die beste Form der Verteidigung. Um meinen dritten Platz zu sichern, suche ich die Flucht nach vorne und attackiere die zweite Frau. Ohje, ob sich das ausgehen wird. Wir laufen an der 41km Marke vorbei. Ich sehe sie vor mir. 600m vorm Ziel laufe ich an ihr vorbei. Ich versuche, mit meinen Armen noch einmal die Frequenz zu erhöhen. Ich möchte nach hinten schauen, um zu wissen, wie weit die anderen Frauen nun hinter mir sind. „Don’t look back, run!“ ruft mir Robbie entgegen, als wenn er meine Gedanken lesen könnte. Die lange Zielgerade zieht sich und die Stimmung ist fantastisch. Die Zuschauer schreien mich ins Ziel. Endlich mache ich den letzten Schritt über die Ziellinie. Zweiter Platz. Meine Beine sacken kurz weg. Endlich dürfen sie stehen bleiben und am liebsten würden sie liegen. Ja, das ist Marathon. Ich bin erschöpft, erleichtert und super glücklich über meinen zweiten Platz. Die Zeit ist in diesem Moment für mich zweitrangig. 2:30:35h.

L: Ich passiere Km 39. Ich laufe und laufe und denke, dass doch bald das 40Km Schild kommen müsste. Dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich es in der Ferne auftauchen. Ich bin erleichtert als ich merke, dass sich der Kilometer nicht ins Unendliche gezogen hat, sondern ich das 40km-Schild übersehen habe. Noch 1,2km bis zum Ziel. Von der Zielgeraden aus sehe ich Anna im Ziel stehen. Ich bin so froh, endlich dort zu sein. Nach 2:34:56h überquere ich als sechste Frau die Ziellinie. Ich falle Anna erschöpft in die Arme. Kurz sacken meine Beine weg, doch ich bleibe stehen. Dann wird mir schwarz vor Augen. An die folgenden Minuten kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich werde ins Sanitätszelt gebracht und es wird sich sofort um mich gekümmert.

A: Gerne wäre ich die Pace der ersten Hälfte auch auf der zweiten durchgelaufen, doch dazu waren meine Beine nicht in der Lage. Und damit ging es mir nicht alleine. Ich spüre, wie ich alles aus meinem Körper herausgeholt habe. Und dieses Gefühl ist die größte Belohnung für mich. Das ist das Gefühl, was ich mit allen anderen Marathonläufern heute teile.

L: Haile Gebrselassie hat in einem Interview gesagt: „In marathon you’re competing against the distance itself. 26miles or 42km. The marathon is the king of distance. And breaking the record in it is one thing, but just finishing that distance is the major achievement for me.“ Ich wollte deutlich schneller laufen in Hannover und habe es heute nicht auf die Straße bringen können, doch auch diese Erfahrung bringt mich weiter. Sofern ich nicht verletzt bin, gibt es für mich keinen Grund auszusteigen. Did not finish is no option. Wenn die Beine nicht laufen und die Sekunden dafür umso schneller, dann ist es wichtig, ein Ziel im Kopf zu haben. Wenn der Körper schon nicht will, dann wenigstens der Kopf. Das Ziel war mein Ziel und das habe ich erreicht.

Scroll Down