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Unschuldsvermutung?

Ich liege im Bett und schlafe. Es klingelt. Ich schrecke hoch und mein erster Gedanke ist: Die NADA. Wenn mich jemand aus dem Schlaf reißt, dann ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die nationale Antidopingagentur, oder die Welt-Antidopingagentur. Oder beide zusammen. Ich schaue aus dem Fenster. Nanu? Dunkel. Die Sonne geht zu dieser Jahreszeit vor 6.00Uhr auf, es muss also noch Nacht sein. Dann habe ich mich wohl verhört. Es klingelt wieder. Dieses Mal gleich fünf Mal hintereinander. Ich schaue auf die Uhr, 0:35Uhr. What? Wer klingelt mich da aus dem Bett? Kinderstreiche? Ich hüpfe aus dem Bett, zieh mir etwas über und geh an die Sprechanlage. Hallo? Guten Abend, hier ist die NADA. Guten Abend ist gut, gute Nacht wäre wohl passender.

Das Antidoping Kontrollsystem in Deutschland ist eines der engmaschigsten weltweit. Niemand weiß so genau, wo wir uns tagtäglich befinden wie die NADA. Ein Vierteljahr im Voraus müssen wir im Onlinesystem ADAMS eintragen, wo wir uns an welchen Tagen zu welchen Uhrzeiten befinden, wann wir regelmäßige Tätigkeiten haben, wo unser Übernachtungsort ist und bei welchen Wettkämpfen wir starten. Wir können uns im Nachhinein noch in das System einwählen und bis ein Tag im Voraus Änderungen vornehmen. Spontane Entschlüsse irgendwo länger zu bleiben oder woanders zu übernachten sind somit schwierig. Das ist nicht nur ein massiver zeitlicher Aufwand sondern auch ein großer Eingriff in die Privatsphäre. Und dennoch machen wir es gewissenhaft, um sauberen Sport zu garantieren. Es gibt verschiedene Testpools mit verschiedenen strengen Auflagen. Wer in welchem Testpool ist, ist nicht immer ganz nachzuvollziehen. Ich habe Ende letzten Jahres eine Nachricht bekommen, dass ich vom NTP in den RTP Testpool aufgestiegen bin. Über diese Beförderung freut man sich ungefähr genauso wie über den Aufstieg in der Steuerklasse. Bedeutet es nämlich, noch mehr Daten ein- und anzugeben. Gleichzeitig werden andere deutsche international erfolgreiche Athleten aus derselben Disziplin abgestuft, weil man weniger Athleten in diesem Testpool haben möchte. Nach Sinn und Unsinn muss man hier nicht fragen. Bei der Bundeswehr würde man einfach sagen: Isso! Jeden Tag muss ich 1h nennen, in der ich auf jeden Fall an dem Ort bin, den ich eintrage. Da ist es auch nicht möglich, mal schnell zum Einkaufen zu gehen oder etwas später vom Training zurück zu kehren. Daher wähle ich meist die frühstmögliche Stunde von 6.00Uhr bis 7.00Uhr. Wir müssen zwar generell den kompletten Tag durchtakten, wann wir wo sind, haben aber 1h Zeit, um zu dem angegebenen Ort zurück zu kehren. In dem 1h-Spezial-Zeitfenster darf ich jedoch nicht angerufen werden und muss somit anzutreffen sein. Und wenn nicht? Dann gibt es einen Missed-Test. Bereits beim zweiten Missed-Test folgt eine mehrmonatige Sperre, egal ob Proben auffällige Werte haben oder nicht. Dies impliziert folgende Sanktionen:

Gemäß Art.2.4, 11.5.3 wird bei Vorliegen:

- eines Erstverstoßes eine öffentliche Verwarnung ausgesprochen

- eines Zweitverstoßes eine mindestens dreimonatige Sperre verhängt

- eines Drittverstoßes eine einjährige Sperre verhängt

- eines Viertverstoßes eine zweijährige Sperre ausgesprochen

Wann und wie oft werden wir getestet? Das ist total unterschiedlich und ohne jegliche Vorhersehbarkeit. Es gibt sowohl Trainings- als auch Wettkampfkontrollen. Manchmal werden wir beide gleichzeitig getestet, manchmal nur eine von uns beiden. Generell gilt das Zufallsprinzip und wie es der Zufall oder besser die NADA oder WADA so will, werden wir meist gleichzeitig ausgewählt. Die Kontrolleure haben auch schon abends um 21.00Uhr bei uns geklingelt und am nächsten Morgen um 6.00Uhr erneut. Eigentlich ist das Testzeitfenster zwischen 6Uhr morgens und 23Uhr abends. Eigentlich. Und heute klingelte es zur Nachtkontrolle. Da fällt es manchmal schon schwer, noch freundlich zu bleiben. Oder wenn ich um 20.00Uhr von einem Training zurückkomme, in den letzten 3 Tagen bereits 2x! getestet wurde, und erneut zur Blut- und Urinprobe gebeten werde. Nach körperlicher Betätigung darf erst 2h später Blut abgenommen werden, somit ist klar, dass ich den Abend mit der Kontrolleurin verbringen werde. Sie darf mich von nun an nicht mehr aus den Augen lassen. Duschen? Ja kann ich und zwar mit Zuschauerin.

Es gibt Angenehmeres als die Hüllen fallen zu lassen und sich wie im Schaufenster zu duschen. Bei der Urinprobe ist die Kontrolleurin natürlich auch dabei. Hose bis in die Kniekehle fallen lassen, Oberteil bis über den Bauchnabel ziehen und Bitte! Und manchmal versichert sich die Kontrolleurin noch durch eigenes Abknien und Blick zwischen meine Beine, dass sie auch wirklich alles genau sieht. Das kann man nur mit Humor nehmen. Grotesker könnte man die Situation auf einer Theaterbühne nicht inszenieren. Die NADA reist überall hin, selbst in unseren Trainingslagern in Afrika wurden wir jedes Jahr getestet. Die Reise der Kontrolleure ist schon crazy, muss das Blut nämlich innerhalb von 30h wieder in einem zugelassenen Labor sein.

Die Dauer einer Dopingkontrolle variiert stark. Wenn wir schnell sind und die Kontrolleure uns morgens um 6.00Uhr direkt aus dem Bett werfen, sind wir manchmal bereits nach 20min fertig. Bei Wettkampfkontrollen nach dem Marathon kann es schon mal eine halbe Ewigkeit dauern. Da dauert der Marathon kürzer als die Dopingkontrolle im Anschluss. Klar, der Körper ist dehydriert und bevor er das aufgenommene Wasser freiwillig wieder abgibt, müssen viele Liter Flüssigkeit aufgenommen werden. 3h vergehen dann schon mal ohne Probleme. Und die 3h bis dahin verbringt man unter ständiger Beobachtung.

Etwas unverständlich für uns ist die Regelung der NADA, dass nur Ärzte und Heilpraktiker Blut abnehmen dürfen. Nichts gegen die beiden Berufsklassen, doch alltäglich Brot ist Blut abnehmen für die wenigsten Ärzte oder Heilpraktiker. Drei Mal dürfen wir gestochen werden. Wer dann nicht die Vene trifft, muss dies vermerken. Drei Mal zustechen ist für uns gefühlt schon grenzwertig, vor allem wenn das die dritte Kontrolle innerhalb von weniger Tage ist. Und meine Venen sind nicht schwer zu treffen. Eine Kontrolleurin hat mal zu mir gesagt, meine Venen müssten als Foto bei Wikipedia unter Venen abgebildet werden, eine andere hat meine Venen schon als Azubi-Venen bezeichnet. Und dennoch gibt es Kontrolleure, die es nicht hinbekommen. Da frage ich mich schon, wer diese Personen auf uns Athleten loslässt. Das grenzt manchmal schon an Körperverletzung, wenn das Blut statt in die Röllchen, am Arm runter läuft und sich auf dem Tisch als Blutlache sammelt, weil die Kontrolleurin vergessen hat, den Druckverband zu lösen. Warum schickt man keine Krankenschwestern oder Arzthelferinnen zum Blut abnehmen, deren alltägliche Aufgabe das ist? Es gibt auch Ärzte und Heilpraktiker, die das super gut machen, und wir würden uns wünschen, es gäbe mehr von diesen. Und wenn sie üben wollen, dann bitte nicht an uns Athleten.

Und schon gar nicht ein Tag vor dem wichtigsten Wettkampf des Frühjahrs. Beim Hannover Marathon wurde ich sowohl Freitag als auch Samstagmorgen getestet. Und Samstagmorgen um 6.30Uhr von der IAAF aus dem Bett geworfen. Muss das wirklich sein? Die Nacht vor der letzten Nacht vorm Wettkampf schlafe ich gerne aus, gebe meinem Körper die Ruhe, die er benötigt. Schließlich soll er am nächsten Tag Höchstleistungen bringen. Und wenn dann die Kontrolleurin versehentlich zu wenig Blut abnimmt und somit ein erneutes Röhrchen komplett gefüllt werden muss, ist das sehr ärgerlich. Da kann schon mal die Frage wie bei Robert Harting aufkommen, ob es Menschen im Hintergrund gibt, die bewusst oder unbewusst Einfluss auf die Wettkampfresultate nehmen.

Deutschlands bester Langstreckenläufer Arne Gabius hat kürzlich in einem Gastbeitrag in der FAZ über Generalverdacht und Kollektivschuld der Sportler geschrieben. Er spricht von „Auflagen, die selbst vorzeitig entlassene Straftäter auf Bewährung nicht kennen.“ Er könne jederzeit zwischen sechs und 23 Uhr kontrolliert werden. Das dachte ich auch. Seit gestern weiß ich, dass es keine Uhrzeit gibt, zu der ich nicht kontrolliert werden kann. 7 Tage die Woche und 24h täglich. Die NADA wollte ich übrigens heute Nachmittag anrufen und um eine Stellungnahme zu der Nachtkontrolle beten. Leider habe ich außerhalb der Sprechzeiten zwischen 9.00 und 15.00Uhr angerufen. Ich wünsche einen schönen Feierabend und eine angenehme Nachtruhe.

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