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Neue Ziele im Visier?!? Vorerst komplett Pause.

Das einzige, was bei mir zur Zeit richtig rund läuft, ist die Waschmaschine. Ich bin es nicht. Bewegung ist physikalisch gesehen die Ortsveränderung mit der Zeit. Rio, Fleesensee, Dresden, Turin, Stuttgart, Herzogenaurach und nun wieder Schwarzwald. Viel Bewegung, große Ortsveränderung, aber alles nur im Auto und Flugzeug als Passagier. Ich habe absolutes Sportverbot. Nicht nur Laufverbot, sondern auch Schwimm-, Aquajogging- und Radelverbot. Ich habe einen Sehnenanriss im rechten Oberschenkelansatz im Sitzhöckerbereich. Die Verletzung wurde bereits im MRT im olympischen Dorf in Rio wenige Tage nach meinem Marathon diagnostiziert und nun bestätigt. Bääm. Knock out. Großer Schock? Nein. Das kam nicht wirklich unerwartet. Seit einem Jahr habe ich Beschwerden im rechten Bein. Die habe ich zuerst nicht ernst genommen, ich wollte einfach darüber hinweg laufen, wie es schon oft funktioniert hat. Nicht akzeptieren, nicht hinschauen und nicht darüber reden. Deshalb haben wir dazu auch nichts kommuniziert. Denn es waren ja scheinbar nur Schmerzen, die jeder Marathonläufer kennt, der an der Leistungs- und Schmerzgrenze trainiert und Wettkämpfe läuft. Ich konnte trainieren, nicht schmerzfrei und doch so, dass es akzeptabel war. Nach intensivem Training waren die Beschwerden stärker und statt auszulaufen bin ich manchmal nach dem Bahntraining gewandert. Über Nacht hat sich das Bein wieder gebessert. Meine Sturheit und Härte hilft mir im Marathon und kann mir auch zum Verhängnis werden. Mit regelmäßiger Physiotherapie hatte ich die Verletzung unter Kontrolle und war zeitgleich auf der Suche nach der Ursache. Kommt es vom Rücken? Ischias? Muskulär? Sehnenreizung? Viele Fragen und Möglichkeiten und keine eindeutige Antwort. Beim Hannover Marathon im April 2016 konnte ich ab dem Halbmarathon keinen richtigen Schritt mehr ziehen und mich rechts nicht richtig abdrücken. Da zerrinnen die Sekunden und Minuten in jedem, um wenige Zentimeterchen verkürzten, Schritt. Die ersten Tage nach dem Hannover Marathon konnte ich nicht laufen, dann hat das Bein sich wieder beruhigt. Ich war während der Olympiavorbereitung nie beschwerdefrei und konnte dennoch meist voll trainieren. 

Dennoch habe ich schon direkt im April ein MRT machen lassen, um mehr Klarheit zu bekommen. Ich hatte einen Ermüdungsbruch im Lendenwirbelbereich, der aber schon wieder verheilt war. Ich bin quasi darüber hinweg gelaufen. Beindruckend und beängstigend zugleich. Durch die resultierende Fehlbelastung beim Laufen wurde dann meine Sehne im rechten Bein am Sitzhöckeransatz gereizt und es hat sich Wasser eingelagert. Um es komplett auszukurieren, hätte ich mindestens acht Wochen pausieren müssen. Die Zeit konnte und wollte ich mir vor Olympia nicht nehmen. Denn der 14. August, das Datum des olympischen Marathons stand fest. Daher mein Entschluss: Mit Beschwerden weiter trainieren in Kombination mit noch viel mehr Therapie und ärztlicher Versorgung. Ich war mehrmals in München bei Dr. Müller-Wohlfahrt, war jeden zweiten Tag zur Massage und in Rio wurde ich täglich vom Physiotherapeuten Klaus Eder behandelt. Eine bessere Behandlung kann man wohl nicht bekommen. Und deshalb hatten wir alle die Hoffnung, dass mein Bein hält. Wenigstens für dieses eine Rennen über 42,195km. Im Training hat es gehalten. Und Training ist nicht Wettkampf. Während ich im Training leicht 5x1000m schnell laufen konnte, hat beim olympischen Marathon schon nach 3km mein Bein zu gemacht. Der Nerv und die Muskeln haben die Notbremse rein gehauen. Und ich konnte mich rechts gar nicht mehr abdrücken. Nicht so wie in Hannover, dass ich nicht mehr in die Streckung kam, ich konnte vielmehr keinen Druck mehr in diesem Bein ausüben. Gefühlt bin ich deshalb den Marathon nur auf dem linken Bein gelaufen. Der Arzt hat mir meine Verletzung so erklärt. Ich bin mit einem ausgefransten Hanfseil losgelaufen. Das hätte halten können, hat es aber nicht und ist angerissen. Das ist keine leichte Verletzung und es wird heilen. Und das wird nicht nur ein paar Tage sondern viele Wochen brauchen. Wochen, die ich vor Olympia nicht hatte und mir nun nehmen werde. Daher werde ich neue Ziele und Wettkämpfe erst fixieren, wenn ich wieder gesund bin. Frühestens im Oktober darf ich anfangen, wieder locker Sport zu machen. Kein Laufen, aber vielleicht ein bisschen Bewegung im Wasser. Wie kommt ein Rennauto damit zurecht, wenn es nur in der Garage stehen darf? Renato Canova hat mir letzte Woche dazu gesagt: „You always say, my engine is ok, I can run. But the problem is that you’re wheels and your autobody is not ok. You have to fix your autobody and only then your engine can show its real power.“ Also kümmere ich mich nun um meinen Körper und freue mich darauf, wenn ich den Rennmotor wieder anschmeißen darf und er die PS auf die Straße bringen kann. Das ist mein nächstes Ziel. 

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