...

Start all over again

Mit dem ersten Kalendertag in 2017 zähle auch ich mich wieder zu der laufenden Population. Ich bin so gesund wie vermutlich seit Jahren nicht mehr, mein Körper ist in Balance, alle Wehwehchen auskuriert. Und bis dahin war es ein langer Weg.

Manche Dinge brauchen Zeit, dazu gehört die Sehne am Sitzhöckeransatz oder genauer deren Heilung. Dreimal so dick wie mein Daumen ist die Sehne, die drei Oberschenkelmuskeln mit dem Becken verbindet. Mega robust und hält unglaublichen Belastungen stand, wie meine Ärztin sagt. Und doch ist sie am 14.08. beim Olympischen Marathon angerissen. Und das war mein letzter Laufschritt in 2016. August, September, Oktober, November, Dezember. Stunden, Tage, Wochen, Monate ohne Laufen. Und fast genauso viele Monate ohne jeglichen Sport. Nicht immer ganz einfach, vor allem in den ersten Wochen mit 24h Dauerschmerzen am Tag, in denen keine Verbesserung zu spüren war. Ich meditiere jeden Morgen um 6Uhr, das hat mir besonders in dieser Zeit geholfen, entspannt und gelassen in den Tag zu starten. In einen Tag, der keine Bewegung für mich vorgesehen hat. Ende September nach sechs Wochen der erste Lichtblick für mich. Ich war die ersten 30min schmerzfrei im Alltag. Was für ein krasses Gefühl, so völlig unbekannt. Das komplette Jahr 2016 gab es bis dahin keine Minute, in dem das der Fall war. Und dennoch hat sich mein Bein noch nicht so frei angefühlt, wie ich es gerne hätte. Beine still halten und abwarten blieb weiterhin mein Motto. Am 1.Oktober bin ich plötzlich mit zwei neuen Beinen aufgewacht. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag. Ich war am 30.September mit meiner Schwester auf einem Konzert, die Musik war super, perfekt zum Tanzen und dennoch saß ich die ganze Zeit auf dem Boden in der Ecke. Meine Beine haben sich richtig schlecht angefühlt. Keine Ahnung warum, schließlich hatte ich bewegungstechnisch an dem Tag nichts anderes gemacht als sonst. Nämlich nichts. Und dennoch habe ich die Musik genossen, wir saßen sogar mehrere Stunden da. Einfach so am Boden und haben der Musik zugehört. Von da an ging es direkt ins Bett und am nächsten Morgen bin ich los, um Brötchen zu holen. Und plötzlich merkte ich, dass sich meine Beine ganz anders anfühlen. So frei. Das war ein Meilenstein. Von da an konnte ich spazieren gehen und jeden Tag Kräftigungsübungen und Koordinationsübungen für mein Fußgelenk machen. Es war toll, eine kontinuierliche Verbesserung zu spüren. Von Radfahren oder Training im Wasser war ich dennoch noch meilenweit entfernt. Noch immer musste ich meinen Körper schonen. Denn neben der Sehne musste ich gleichzeitig eine Schambeinreizung auskurieren. Der gesamte Oktober und November blieb für mich also noch sportfrei mit Ausnahme von Spaziergängen und Übungen für die Füße und das Sprunggelenk. Im Alltag war ich nun schmerzfrei. Außerdem hat sich die Struktur meiner Sehne enorm verbessert. Aus einem „Hanfseil“ wurde wieder eine richtige gesunde starke Sehne. Ich habe das Gefühl, mein Körper hat mehrere Jahre Leistungssport weg regeneriert.

Im Dezember habe ich dann mit Lauftraining begonnen. Lauftraining ohne mich fortzubewegen. Nämlich mental im Trancezustand. Ich habe mir ein 400er Programm aufgesprochen und es in Trance gehört, was ich noch immer regelmäßig mache. So war ich gefühlt schon wieder zurück im Laufen, ohne mich einen Schritt vorwärts bewegt zu haben. Und das Beste: Ich konnte direkt super schnelle Geschwindigkeiten laufen, schließlich gibt es bei Mentaltraining keine Grenzen. Neben dem Mentaltraining bin ich ab Dezember ins Wasser. Noch kein wirkliches Aquajoggen sondern mehr erste leichte Bewegungen im Wasser.

Meist habe ich das kombiniert mit Physiotherapie und anschließendem Saunabesuch. Außerdem durfte ich ab dem 7.Dezember aufs Liegefahrrad. Die ersten Einheiten waren bitter. Mich haben die 70jährigen Rehapatienten mit ihrer Wattzahl und Umdrehungszahl abgezogen. Nicht das ich nicht mehr konnte, ich durfte nicht mehr. Und wenn ich ehrlich bin, so wirklich viel mehr hätte ich auch gar nicht gekonnt. Huch, war das ungewohnt. 30min die Beine durchgehend bewegen, auch wenn es nur 70w und 70 Umdrehungen waren. Da ist selbst lockerstes Radfahren etwas anderes als spazieren gehen. Ich musste selbst lachen, als ich beim Radfahren meine Oberschenkel vor mir beobachtet habe. Wo man sonst Muskeln gesehen hat, war nichts. Der Oberschenkel war einfach nur eins, ein großes Etwas ohne jegliche erkennbare Kontur oder Struktur. So schnell wie die Muskeln weg waren, kommen die auch wieder, habe ich mit überzeugender Stimme laut vor mich her gesagt. Dabei noch ein entschlossener Blick und aufrechte Körperhaltung, und schon passt meine Stimmung. Ich sehe es als große Chance an, den Körper wieder von gefühlt 0 zu starten. Jetzt kann ich bewusst alles neu programmieren, wie ich es haben möchte. Mitte Dezember habe ich mit Yoga begonnen. Meine Beweglichkeit ist trotz oder wahrscheinlich gerade wegen totalem Nichtstun besser als je zuvor. Wo kaum Muskeln sind können auch weniger Verhärtungen sein. Ich finde in fast allem etwas Positives, das mich motiviert und optimistisch nach vorne schauen lässt. Am 24.Dezember war ich das erste Mal für 1h im Wasser. Aquajoggen und Schwimmen. Yeah, jetzt habe ich mich zumindest zur Hälfte wieder als Läuferin gefühlt. 1h im Wasser war schon einmal ein tolles Weihnachtsgeschenk für mich. Außerdem ist nun auch die hartnäckige Schambeinreizung völlig auskuriert. Zwischen den Jahren habe ich den deutschen Marathonläufer Steffen Uliczka an der Ostsee besucht. Dort hat das Ostseebad bereits um 6Uhr morgens geöffnet, ein Traum für eine Frühaufsteherin wie mich. Die Meerluft kombiniert mit dem tollen Wetter war eine super Abwechslung. Voller Energie ging es am 30.12. wieder zurück in den Schwarzwald. Mein großes Ziel war es, ins neue Jahr zu laufen. Was selbst Anfang Dezember noch wie ein Wunschtraum erschien, näherte sich plötzlich wieder der Realität an. Das Laufen im Wasser ging richtig gut und es erschien mir plötzlich so nah, meine Laufschuhe zu schnüren. Jedes Mal wenn ich an meinem Schuhschrank vorbei lief, hatte ich das Gefühl, ich könnte direkt loslaufen. Wichtiger als das alte Jahr laufend zu beenden, war für mich, das neue laufend zu beginnen. 4,5 Monate ohne Laufen, 2,5 Monate ohne Sport und davon 6 Wochen fast ohne Bewegung. Nach absolutem Nichtstun ging es los mit Spaziergängen und Übungen für mein Fußgelenk, dann kam Bewegung im Wasser hinzu sowie Liegefahrrad fahren. Yoga, Schwimmen und Aquajoggen und viele richtig gute Einheiten, die ich im Kopf gelaufen bin. Zur Zeit steuere ich fast alles nach dem Gefühl. Jeden Morgen mache ich einen Body-Check. Ins Training bauen wir maximal eine Neuerung ein, damit ich immer sofort weiß, welche Übung oder Belastung für die Veränderung im Körper verantwortlich ist. Und nun war ich bereit. Am 1.Januar habe ich meinen ersten richtigen Lauf gemacht. Und genau so fühlt es sich auch an, als ich loslaufe. Gar nicht ungewohnt sondern einfach wie laufen. Mein Ziel im Januar ist meinen Laufstil und meine Lauftechnik zu perfektionieren. Dazu machen wir während des Laufens viele Übungen zur Armhaltung, Fußaufsatz und Hüftstreckung. Mein Körper ist resetet und nun programmiere ich ihn neu.

 

Scroll Down