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Stille für Körper und Geist

Wie oft passiert es, dass ich wirklich die Stille genieße, nicht nervös werde, weder aufs Handy schaue noch das Radio anschalte, nicht an das Training denke oder was ich noch einkaufen muss, welchen Text ich noch fertig schreiben möchte oder wen ich noch zurückrufen sollte? Irgendetwas passiert immer. Das Smart Phone klingelt, Whats App Nachrichten blinken auf, willkommen im reizvollen Alltag.

Ich gehe ins Kloster, um abzuschalten. Doch eigentlich schalte ich nicht ab sondern ich schalte mich an. Ich schalte mich an für mich selbst, meine Gedanken, meine Gefühle, meinen Körper, meine Wahrnehmung und meine Emotionen. Wer bin ich, was fühle ich, was und wer ist mir wichtig, wann bin ich glücklich und wie gut komme ich mit mir selbst klar. Für mich ist es ein Ort der Liebe, Geborgenheit, Herzlichkeit und Zufriedenheit. So groß wie mein Strahlen ist, wenn ich zur Pforte hineingehe, so groß ist das Strahlen, mit dem mich die Schwestern empfangen. Es ist eine Wärme, die sich sofort um mein Herz legt.

Im Kloster wird gelebt, gearbeitet, geschwiegen und gebetet, alles zu seiner Zeit und alles mit der gleichen Hingabe. Es ist eine feste Tages- und Wochenstruktur, die es mir einfach macht, anzukommen und ein Teil des Klosterlebens zu werden. Das Handy schalte ich beim Eintreten ins Klostergebäude aus, der fehlende Kontakt zur Außenwelt lässt mich schneller und leichter nicht nur körperlich sondern auch geistlich im Kloster sein.

Beim Frühstück wird geschwiegen, es gibt verschiedene Sorten selbstgebackenes Brot mit hausgemachter Marmelade und frischem Bergkäse, den die Schwestern geschenkt bekommen haben. Es herrscht Stille im Essenssaal, angenehme Stille, ich schmecke jeden Bissen Brot so intensiv wie nirgendwo anders. Das Frühstück ist nicht der Start in den Tag, denn dieser beginnt an den meisten Tagen um 6.00Uhr mit der Laudes. Beten ist ein fester Bestandteil des Tages und nimmt ähnlich viel Zeit in Anspruch wie sonst mein Training. Nach der Laudes feiern wir die Hl. Messe, ein Start in den Tag, der sich wohl von den meisten Mitmenschen radikal unterscheidet. Die meisten Menschen feiern den Feierabend und nicht den frühen Morgen. Wenn die Schwestern mit ihrer engelsklaren Stimme die Lieder singen und dazu Harfe oder Zither spielen, spüre ich eine solche Liebe und Kraft, dass ich Gänsehaut bekomme. Das ist pure Schönheit.

Es sind auch die Düfte, warum ich mich hier so wohlfühle. Wenn ich in mein kleines Zimmer komme, duftet es nach frischem Holz und frisch gewaschener Bettwäsche. Ein großer alter Holzschrank, ein Holztisch und ein Kreuz an der Wand füllen das Zimmer und wenn ich aus dem Fenster schaue, thront majestätisch ein riesiger Berg vor meinen Augen. Wenn ich nach unten schaue, blicke ich auf den Klostergarten mit Kräutern, Gemüse und Obstbäumen. Es ist alles so einfach hier und ich merke, wie ich das genieße. Es ist toll, eine schöne Wohnung, ein großes Auto und viele Kleider zu haben, doch das macht nicht glücklich. Glücklich sein ist ein viel tieferes Gefühl, das aus mir heraus entsteht. Materialistische Dinge können nicht glücklich machen, vielleicht manchmal das Leben einfacher.

 

Hier geht es nicht darum sich abzulenken sondern sich lenken zu lassen. Nicht von irgendwelchen äußeren Dingen sondern von einer Kraft, die tief im Inneren ist.

Nach dem Mittagsgebet gibt es Mittagessen. Während alle die Suppe löffeln, wird geschwiegen und aus der Bibel vorgelesen. Es gibt Grießnockerl-Suppe und wer möchte, bekommt Nachschlag. Die Schwestern kennen mich schon und mit einem Lächeln im Gesicht füllen sie meine Suppentasse erneut auf. Nach der Suppe wird es lebhaft im Speisesaal, die Schweigezeit ist vorbei und es wird sich unterhalten. Die Schwestern sind ganz außer sich vor Freude, dass es am Vorabend geregnet hat, endlich, nach einer langen Zeit der Hitze und Trockenheit. Ihre Freude und Dankbarkeit ist so ansteckend, dass sie auch auf mich übergeht. Wir schwärmen von dem herrlich frischen Grün der Wiesen und dem sommerlichen Duft in der Luft während wir Spinat-Spätzle mit Hähnchen und buntem Tomatensalat essen.

Wenn nicht gebetet wird, wird gearbeitet, jede Schwester hat ihren Aufgabenbereich. Die meiste Zeit verbringe ich mit Schwester Maria in ihrem Atelier. Wir töpfern, machen Blumengestecke oder wir sind im Garten und pflücken Beeren. Hier wird mir immer wieder bewusst, wie reich uns die Natur beschenkt und macht mich gleichzeitig nachdenklich, wie wir Menschen mit der Natur und unserem Planeten umgehen. Im Kloster gibt es das Obst und Gemüse, was im Garten wächst, Pflaumen, Birnen, Pfirsiche und Äpfel. Daraus wird Marmelade gekocht, Kompott zubereitet, frischer Kuchen gebacken und Sirup hergestellt.

Am Nachmittag wird wieder gearbeitet und anschließend die Vesper gebetet. Das Abendessen nehmen die Schwestern getrennt ein, wir „Gäste“ sind unter uns. Mal ist es ein Künstler aus Belgien, mal ein Musiker aus Polen, dann eine junge Frau aus Sachsen Anhalt. Es ist ähnlich wie beim Sport, man kennt sich nicht und versteht sich dennoch auf Anhieb. Ein ganz normaler Tag geht zu Ende, ein herrlicher Tag. Ich bin dankbar für diesen Tag und freue mich schon auf den nächsten.

Für mich sind diese Tage im Koster wichtig, um mich auf mich zu besinnen, auf meine Beziehung zu mir und zu anderen Menschen, meinen Lebensweg, den ich eingeschlagen habe, was ist meine Aufgabe und was kann ich bewirken. Wenn ich nach einer Woche das Kloster wieder verlasse, bin ich voller Energie und freue mich auf meinen Alltag, mein Leben und spüre gleichzeitig Abschiedsschmerz in meinem Herzen. Ein tolles Gefühl, denn so weiß ich, dass ich hier auch eine Art zu Hause gefunden habe.

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