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2020

Ich erinnere mich an den 1.Januar 2020. Morgens um 7.00Uhr haben wir uns in der Trainingsgruppe in Neuseeland zum Yoga getroffen.

Im Anschluss habe ich noch eine kleine Meditation geleitet und habe jeden dazu eingeladen, sich etwas für das Jahr 2020 vorzunehmen oder zu wünschen. Diese Gedanken durfte jeder für sich behalten oder eben auch laut aussprechen. Mein Gedanke nach zwei turbulenten sportlichen und privaten Jahren lautete „mehr bei mir sein“. Nun sitze ich kurz vor Jahresende da und stelle fest, wie viel sich davon bewahrheitet hat, wenn auch komplett anders als gedacht. „Mehr bei mir“ war nicht auf Isolation oder Quarantäne bezogen, natürlich nicht. Und doch hat das Jahr 2020 mir viele Momente in den Bergen, in der Natur und beim Laufen geschenkt, in denen ich genau dies gespürt habe.

Dafür bin ich sehr dankbar, doch dieses Ziel sollte eigentlich dazu führen, dass ich sportlich wieder in Erscheinung treten kann. Die ersten Monate des Jahres deuteten auch daraufhin. Es lief wie am Schnürchen, wie es so schön heißt. Trainingslager in Neuseeland und anschließend Äthiopien zusammen mit Lisa und weiteren Mitgliedern des Proteam Berlins, reibungsloser Formaufbau, Steigerung der Belastung, der Geschwindigkeiten, beschwerdefrei und top motiviert.

 

 

Das Ziel im Frühjahr war die Qualifikation für die Olympischen Spielen in Tokyo. Dann kam es wie für so viele ganz anders. Trainingslagerabbruch in Äthiopien aufgrund der Corona Situation, Ungewissheit und Hoffen, ob die Wettkämpfe im Frühjahr stattfinden können, weiter trainieren, Absage und Durchhänger. Wie wird es im Herbst aussehen? Werden dort Marathons stattfinden können? Weiter trainieren, um bereit zu sein, wenn sich eine Startmöglichkeit ergibt. Immer wieder neue Beschränkungen und neues Einschätzen der Situation. Dann Möglichkeit zum Start beim London Marathon im Oktober. Training wieder auf Marathon ausrichten, um dann zwei Wochen vor dem Marathon von einer Nierenbeckenentzündung ausgebremst zu werden. Ärgerlich doch irgendwie auch einfach verständlich, dass das ganze hin und her für Körper und Geist in diesem Jahr einfach zu viel war.

Das Jahr 2020 lief definitiv nicht wie geplant, es war sehr herausfordernd und gleichzeitig birgt es die Chance, seinen Blick auf die Welt zu weiten. Es macht mir ein ungutes Gefühl, wenn ich sehe, wie manche Menschen mit anderen umgehen, die eine unterschiedliche Meinung vertreten. Ist es nicht das, was bereichernd ist, sich auszutauschen und Argumente zu hören? Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, gut oder schlecht, richtig oder falsch. Wir profitieren doch alle von Diversität, Diskussionen, Auseinandersetzungen mit einem Thema und veränderte Blickwinkel.

Das Einzige, was immer bleiben sollte, sind Werte wie Respekt und Wertschätzung anderen gegenüber, losgelöst davon, ob man einer Meinung ist oder nicht. Schwierige und herausfordernde Situationen kann man nur miteinander und nicht gegeneinander lösen. Heute beim Laufen ist mir ein anderer Läufer entgegengekommen, der aufs Feld ausgewichen ist, um einen möglichst großen Bogen um mich zu laufen. Nicht wir Menschen sind die Gefahr, sondern das, was die Angst mit uns macht. Es ist wichtig sich gegenseitig zu schützen aber auch sich zu unterstützen. Ich schütze ältere Menschen, wenn ich ihnen den Kontakt zu ihren Kindern und Enkelkindern nehme, doch wenn gar nichts mehr zu ihnen dringen kann, kann auch keine Liebe und Wärme zu ihnen gelangen.

Für das Jahr 2021 wünsche ich mir, dass ich wieder mehr Liebe in den Augen der Menschen sehe, wenn sie einander begegnen. Wir laufen, weil wir das Gefühl haben, dass wir damit etwas bewegen können. Das ist das Talent, was uns mitgegeben wurde und das wir nutzen möchten. Dazu trainieren wir unzählige Stunden, gehen an unsere Grenzen, fordern uns heraus und richten unser Leben darauf aus, doch am Ende möchten wir das alles auch mit anderen Menschen teilen. Wir wünschen uns, dass wir im Jahr 2021 wieder alle gemeinsam an der Startlinie stehen, Läufer aller Leistungsklassen und nicht nur eine kleine Zahl an Eliteläufern, dass Zuschauer an der Strecke stehen, mitfiebern, die Energie verspüren und vielleicht davon inspiriert werden, auch die Laufschuhe schnüren.

2021 kann anders werden. Mit jedem Gedanken, jeder Geste und jeder Handlung können wir dazu beitragen.

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